Arendts „Banalität des Bösen"
Ich bin in der Tat heute der Meinung, dass das Böse immer nur extrem ist, aber niemals radikal, es hat keine Tiefe, auch keine Dämonie. Es kann die ganze Welt verwüsten, gerade weil es wie ein Pilz an der Oberfläche weiterwuchert. Tief aber, und radikal ist immer nur das Gute.
Dieses eindrucksvolle und philosophisch weitreichende Zitat stammt von der politischen Theoretikerin und Publizistin Hannah Arendt.
Hier sind ein paar Fakten zu dem Zitat:
Wann: Sie schrieb diese Worte im Jahr 1963 (in einem Brief vom 24. Juli 1963).
Wem: Das Zitat entstammt einem berühmten Briefwechsel mit dem jüdischen Religionshistoriker Gershom Scholem.
Der Zusammenhang
Hintergrund dieser Korrespondenz war die heftige, teils feindselige Kontroverse um Arendts kurz zuvor erschienenes Buch „Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen“.
Arendt hatte 1961 als Reporterin für die Zeitschrift The New Yorker über den Prozess gegen den NS-Verbrecher Adolf Eichmann in Israel berichtet. Sie beschrieb Eichmann darin nicht als dämonisches, tiefgründiges Monster oder fanatischen Sadisten, sondern als erschreckend gewöhnlichen, gedankenlosen Bürokraten, der einfach „nur seinen Job“ machte. Daraus leitete sie ihre berühmte These von der „Banalität des Bösen" ab.
Gershom Scholem war von Arendts Buch tief erschüttert und kritisierte sie in einem Brief scharf. Er warf ihr unter anderem einen Mangel an „Herzenstakt“ (Solidarität und Liebe zum jüdischen Volk) vor und wehrte sich vehement gegen die Idee, dass das Böse des Holocausts in irgendeiner Form „banal“ gewesen sei.
Die philosophische Bedeutung des Zitats
Das genannte Zitat ist Arendts direkte Replik auf Scholems Vorwürfe. Sie nutzt diesen Brief, um ihre These zu verteidigen und eine wichtige philosophische Korrektur an ihrem eigenen früheren Werk vorzunehmen:
1. Abkehr vom „radikal Bösen“: In ihrem früheren Hauptwerk „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ (1951) hatte Arendt (in Anlehnung an Immanuel Kant) noch vom „radikal Bösen“ gesprochen. Scholem erinnerte sie in seiner Kritik an diesen Begriff.
2. Das Böse als Oberflächenphänomen: Arendt erklärt mit dem Zitat ihren Sinneswandel. Sie argumentiert, dass das Böse nicht radikal (von lat. radix = die Wurzel) sei, weil es eben keine tiefe Verwurzelung, keinen echten Grund und keine dämonische Tiefe besitze. Es sei gedankenlos und flach.
3. Die Pilz-Metapher: Gerade weil das Böse keine Tiefe hat, kann es sich wie ein Pilz rasend schnell an der Oberfläche ausbreiten und ganze Gesellschaften überwuchern und vergiften. Wahre Tiefe und Verwurzelung (Radikalität) spricht Arendt ausschließlich dem Guten zu.



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