Die Macht der Einen: Warum der Monotheismus die Welt eroberte
In seinem faszinierenden Artikel „How God Got So Great“, erschienen im Magazin The New Yorker, geht der Anthropologe Manvir Singh der Frage auf den Grund, warum monotheistische Religionen eine derart dominante Rolle in unserer Weltgeschichte eingenommen haben. Obwohl heute die Hälfte der Menschheit dem Christentum oder dem Islam angehört, ist das Konzept des Monotheismus weitaus komplexer – und widersprüchlicher – als es auf den ersten Blick scheint.
Hier ist eine Zusammenfassung der wichtigsten Erkenntnisse aus Singhs Artikel:
▪️Ein moralisches Gütesiegel, aber unscharf definiert
In den USA und vielen anderen Teilen der Welt fungiert der Monotheismus als politisches und moralisches Zeugnis für Vertrauenswürdigkeit. Selbst Politiker mit polytheistischem Hintergrund, wie der Hindu Vivek Ramaswamy, sehen sich oft gezwungen, ihren Glauben als monotheistisch zu deklarieren, um in der Politik zu bestehen. Dabei ist die Definition des Monotheismus – der Glaube an exakt einen Gott – in der Praxis oft brüchig. Das Christentum hat die Dreifaltigkeit sowie Engel und Heilige, die in anderen Kulturen schlicht als eigene Gottheiten gelten würden. Zudem weisen Christentum, Judentum und Islam oft dualistische Züge auf, bei denen Gott einem bösen Widersacher gegenübersteht.
▪️Die historischen Wurzeln von Jahwe
Interessanterweise war der Gott der Abrahamitischen Religionen nicht immer „der Eine“. Ursprünglich war Jahwe eine untergeordnete Gottheit für Wetter und Krieg in einem polytheistischen Götterpantheon, welches von dem Götterkönig „El“ angeführt wurde. Erst im Laufe der Zeit, insbesondere nach den babylonischen Zerstörungen im 6. Jahrhundert v. Chr., verfestigte sich in Texten wie dem Deuteronomium die absolute Behauptung: „Es gibt keinen anderen“.
▪️Die wahre Kraft: Die „Mosaische Unterscheidung“
Wenn es beim Monotheismus nicht um das bloße Zählen von Göttern geht, worin liegt dann seine weltverändernde Kraft? Singh verweist auf den Ägyptologen Jan Assmann und dessen Konzept der „Mosaischen Unterscheidung“: Der Kern des Monotheismus ist die strikte Trennung von wahrer und falscher Religion. Diese Abgrenzung vom Götzendienst erschuf erst die Kategorien von „Ketzern“ und „Ungläubigen“.
▪️Sozialer Zusammenhalt durch Ausgrenzung
Während der Polytheismus von Natur aus zu Pluralismus und Toleranz gegenüber anderen Gottheiten neigt, erzwingt der Monotheismus eine unbedingte Einheit. Dies führte zu einem massiven historischen Vorteil: Die Ausgrenzung des Andersgläubigen schuf einen beispiellosen sozialen Zusammenhalt und ein tiefes Vertrauen unter den Anhängern. Diese geteilte moralische Basis machte Kooperationen in gigantischem Ausmaß möglich – was unter anderem den rasanten Aufstieg des arabischen Reiches im 7. Jahrhundert begünstigte. Sobald ein Gott universell und nicht mehr an ein bestimmtes Volk oder einen Ort gebunden war, wurde das Missionieren zu einer moralischen Pflicht und trieb die Religionen in die Welt hinaus.
▪️Resümee
Der Artikel zieht ein scharfes, aber nachdenkliches Fazit: Der Monotheismus hat nicht primär triumphiert, weil er theologisch logischer ist, sondern weil er Identität durch das schafft, was er ablehnt. In modernen, zersplitterten Gesellschaften funktioniert der Glaube an den einen Gott als „Abkürzung zum moralischen Konsens“ – er signalisiert den Menschen, dass jemand an denselben Verhaltenskodex gebunden ist.
Dennoch birgt diese Art des Zusammenhalts eine große Gefahr für unsere Gegenwart. Eine Solidarität, die auf Exklusivität und der Ausgrenzung von Andersdenkenden beruht, lässt sich nur schwer mit den Zielen einer pluralistischen Demokratie vereinbaren. Sie zwingt Menschen anderen Glaubens (oder Nichtgläubige), sich anzupassen und Verhaltensweisen in einer ihnen fremden Sprache zu rechtfertigen. Die eigentliche, viel wichtigere Aufgabe unserer Zeit, so schließt der Artikel, besteht darin, funktionierende moralische Gemeinschaften zu errichten, die nicht auf die Existenz eines einzigen Gottes angewiesen sind.
🔗 Quelle und weiterführende Informationen:
- Quelle: Manvir Singh, „How God Got So Great“ (Untertitel: „What monotheism means is surprisingly hard to pin down, but there’s a reason it swept the world.“). Veröffentlicht in The New Yorker, Online-Ausgabe vom 9. März 2026. In der Printausgabe (16. März 2026) erschien der Text unter dem Titel „Just One“.
- Link: https://www.newyorker.com/magazine/2026/03/09/how-god-got-so-great
(AG)

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